Wo ich gerade dabei war, habe ich noch ein zweites Video erstellt, dass das Bauen von Gebäuden zeigt. Auch hier gilt: Work in Progress, nichts ist final, vor allen Dingen nicht die Mapgestaltung.
„Die rettende Insel“ – Erstes Gameplayvideo
Jepp, ich arbeite zur Zeit an einem Spiel. Es handelt sich hierbei um eine Mischung aus RPG, Lifesim und Aufbaustrategiespiel und wird mit dem RPG Maker 2000, mit Unterstützung des Destiny Patches und des RPG Maker 2009 Ultimate entwickelt. Demnächst folgt auch eine elaboriertere Vorstellung, zunächst aber hier ein kleiner Einblick in das Gameplay in Form der Interaktion mit den Inselbewohnern:
WICHTIG: Dies ist alles Work in Progress , d.h.:
- Der Text, den der Charakter spricht, ist nur zu Demonstrationszwecken da und wird so im Spiel nicht vorkommen
- Die Grafik – besonders die Map-Gestaltung – ist noch nicht fertig und steht unter ständiger Bearbeitung
- Am Ende hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: Das Schild hat die falsche Grafik. Dies habe ich bereits korrigiert, aber erst nach der Aufnahme und ich war zu faul wegen eines kleinen Grafikfehlers das alles noch mal zu machen
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„Japan’s Nuclear Situation – be a bit worried“
Auf der Suche nach verlässlichen Informationen dazu, was derzeit in Japan, speziell in Fukushima vor sich geht (die reißerischen deutschen Medien sind dabei leider nicht sehr hilfreich), bin ich auf einen Text im Something-Awful-Forum gestoßen, den ich dermaßen gut und informativ fand, dass ich ihn direkt für ein deutsches Publikum, das keine Lust hat, sich durch derartige Textmassen auf Englisch zu wühlen übersetzt habe. Den Originaltext findet ihr unter
http://forums.somethingawful.com/showthread.php?threadid=3396817
Bitte beachtet, dass ich keine Verantwortung für die vollständige Korrektheit dieser Informationen übernehme. Außerdem weiß ich nicht, ob ich jeden technischen Ausdruck korrekt übersetzt habe. Dennoch sollte der Text klar verständlich sein. Guten Englisch-Sprechern empfehle ich aber auf jeden Fall das Original. Dort findet ihr auch mehr direkte Verweise und Links auf weiterführende Informationen. (Am 16. und 17. März die Udates aus dem Original-Post ebenfalls übersetzt und eingefügt.)
UPDATE: 16. März, 7:00 Uhr GMT: Die derzeitige Situation ist extrem schwankend. Sicher ist, dass die Arbeiter von Fukushima Eins zurück gekehrt sind. Das Kraftwerk wurde nicht aufgegeben. Der Zustand der verbrauchten Brennstäbe im Reaktorgebäude #4 ist derzeit die dringlichste Angelegenheit, und gleichzeitig die, über die es am wenigsten Informationen gibt. Reaktor #1, #2 und #3 sind semi-stabil, da die Flutung mit Meerwasser fortgesetzt wurde, obwohl es unbestätigte Berichte eines Kühlungslecks in #2 und einer externen Dampf-Generierung (aber kein Leck) in #3 gibt. Bitte genießt diese Informationen mit Vorsicht!
UPDATE, 17. März, 5:00 Uhr GMT: Eine aktuelle Zusammenfassung aus diesem Post von Foren-Moderator Inspector 71:
Zitat:
„JSDF-Helikopter haben Wasser auf die Gebäude von #3 und #4 abgeworfen, Wasserwerfer werden vor dem Kraftwerk in Position gebracht, TEPCO hofft, bis heute Abend wieder Strom zu haben.Die Temperatur in den Becken für die benutzten Brennstäbe in Reaktor #5 und #6 hat sich erhöht, allerdings nur um 4°C im einen und ca. 20°C im anderen. Diese Gebäude sind völlig intakt, weswegen, sobald der Strom wiederhergestellt ist, diese Sache völlig vom Tisch sein wird und auch jetzt ist die Priorität ziemlich niedrig.
Zurzeit sind 180 Arbeiter auf dem Gelände, die an der Kontrolle des Reaktors und an der Beseitigung der Ablagerungen arbeiten.
Nach allem, was in den Pressekonferenzen besprochen wurde, ist das derzeitige Thema die Situation der Becken mit den verbrauchten Brennstäben, nicht die Reaktoren selber.“
Später wurde berichtet, dass die Crew der JSDF-Helikopter den Wasserstand im Becken für verbrauchte Brennstäbe in Gebäude #4 überprüft hat und gesagt hat, dass der Stand sehr hoch sei. Das bedeutet entweder, dass die vorherigen Reporte über niedrige Stände falsch waren, oder dass das Wasserabwerfen funktioniert hat, was an ein Wunder grenzen würde. Egal wie man es sieht, es sind fantastische Neuigkeiten.
Was zur Hölle geht hier vor sich?
Nach dem aktuellen Erdbeben und dem Tsunami in Japan haben zwei Atomkraftwerke an der Ostküste Japans Schwierigkeiten. Es gibt Fukushima Daiichi („daiichi“ heißt „Nummer Eins“) und Fukushina Daini („Nummer Zwei“), die von der Tokyo Electric Power Company (TEPCO) betrieben werden. Fukushima Eins hat sechs Reaktoren, Zwei hat vier. Die problematischen Reaktoren sind #1, #2, #3 und – wenn auch auf andere Weise – #4 in Fukushima Eins. Die Reaktoren 1 – 3 sind die ältesten aller zehn Reaktoren und sollten noch dieses Jahr abgeschaltet werden.
Kurz gesagt haben das Erdbeben und der Tsunami die Kühlungssysteme in diesen Reaktoren eingeschränkt, was es TEPCO schwierig macht, sie vollständig herunterzufahren. Die Reaktoren #1 und #3 gelten derzeit als sicher, nachdem sie mit Meereswasser geflutet wurden. In Reaktor #2 wird noch der Meerwasser-Injektions-Prozess durchgeführt, es gibt allerdings mehrere Komplikationen. Die Reaktoren 4 – 6 wurden bereits vor dem Erdbeben für eine Inspektion heruntergefahren, allerdings gab es im Gebäude, das Reaktor #4 beinhaltet, ein Feuer, das aber nicht mit dem Reaktorkern in Verbindung steht.
Die Kühlungssysteme in Fukushima Zwei wurden nicht beeinträchtigt und wurden normal heruntergefahren.
Es wurde ein Evakuierungs-Radius 20 km um Fukushima Eins und 10 km um Fukushima Zwei festgesetzt. Aufgrund der aktuellen Ereignisse hat der Premierminister die Menschen zwischen 20 und 30 km um Fukushima Eins gebeten, zurzeit im Haus zu bleiben.
Woher stammen diese Informationen?
Diese FAQ basiert auf Informationen aus Primärquellen: Pressekonferenzen der japanischen Regierung und TEPCO, wie sie im japanischen Fernsehen gezeigt wurden, TEPCO Pressemitteilungen, unabhängige Dokumentationen über die Art des Reaktors und Aussagen der japanischen Atomsicherheitskommission, der japanischen Nuclear and Industrial Safety Agency und der Internationalen Atomenergie-Organisation.
Kann es zu einer nuklearen Explosion kommen?
NEIN. Es ist physikalisch unmöglich, dass ein Atomkraftwerk wie eine nukleare Waffe explodiert.
Atombomben funktionieren durch das Verursachen einer überkritischen Atomspaltung in einem sehr kleinen Raum in einem unglaublich geringen Zeitraum. Dies ist möglich durch die die Nutzung präzise designter explosiver Ladungen um mehrere subkritische Massen nuklearen Materials so schnell zu kombinieren, dass sie die kritische Stufe überspringen und direkt überkritisch werden, und das mit genug Kraft, dass die resultierende überkritische Masse nicht schmelzen oder sich selbst wegstoßen kann, bevor das gesamte Material gespalten wurde. Dies erfordert eine extrem präzise Konstruktion, weswegen der Bau einer Atombombe kein einfacher Vorgang ist, unabhängig von der Einfachheit der Idee.
Neuere Atomkraftwerke sind um subkritische Massen radioaktiven Materials designt, die dann so manipuliert werden, dass ein begrenzter überkritischer Status erreicht wird, um eine andauernde Kernspaltung durch den Gebrauch von Neutronen-Moderatoren zu erzielen. Die bei dieser Spaltung entstehende Hitze wird benutzt, um Wasser in Dampf zu verwandeln, der Generatorturbinen antreibt. (Dies ist eine drastische Vereinfachung.) Sie sind nicht in der Lage, wie eine Bombe zu explodieren; würde ein Reaktorkern eine unkontrollierte überkritische Reaktion erfahren, würde die produzierte Energie den Kernbrennstoff schmelzen, anstatt ihn zum Explodieren zu bringen, was die Bauer von Atombomben so hart zu verhindern versuchen.
Eine Atombombe zu bauen ist sehr schwierig und es ist komplett ausgeschlossen, dass ein Kernreaktor zufällig zu einer Bombe wird. Sekundäre Systeme, wie die Kühlung oder die Turbinen, können durch zu hohen Druck explodieren, aber dies sind keine nuklearen Explosionen.
Ist dies eine Kernschmelze?
Technisch gesehen ja, aber nicht so, wie die meisten Menschen denken.
Der Ausdruck „Kernschmelze“ wird innerhalb der Atomindustrie nicht benutzt, weil er viel zu unspezifisch ist. Das populäre Bild einer Kernschmelze ist, dass der Brennstoffkern eines Reaktors außer Kontrolle gerät und durch das Containment schmilzt. Dies ist jedoch nicht geschehen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass dies noch geschieht, schwer zu bestimmen ist.
Was in Reaktor #1 und #3 passiert ist, ist eine „teilweise Brennstoffschmelze“. Das bedeutet, dass der Brennstoffkern durch die Hitze beschädigt wurde, das Containment aber noch intakt und kein Brennstoff ausgetreten ist. In Kern #2 wird ein geringer Schaden vermutet. In Reaktor #2 hält das Containment, es besteht aber immer noch ein Risiko, obwohl die Wasserhöhe steigt und weiter Wasser hinein gepumpt wird.
Wie konnte das geschehen? Gibt es dort keine Sicherheitssysteme?
Als die Erdbeben in Japan am 11. März stattfanden, gab es in allen zehn Reaktoren einen „Scram“, d.h. ihre control rods (?) wurden automatisch eingefügt. Dadurch wurde der aktive Spaltungsprozess ausgeschaltet, und der Kerne sind seitdem abgeschaltet geblieben.
Das Problem ist, dass auch ein ausgeschalteter Reaktorkern „Zerfallswärme“ generiert, wodurch Kühlung benötigt wird. Unter normalen Umständen benötigen die Kerne aktive Kühlung für mehrere Tage bis hin zu einer Woche, bevor sie den Status einer „Kaltabschaltung“ erreichen. Der Tsunami allerdings beschädigte die externen Generatoren, die die Kraftwerke genutzt haben, um ihre Kühlungssysteme zu betreiben. Das bedeutet, obwohl die Kerne abgeschaltet waren, haben sie weiterhin das Wasser abgekocht, das als Kühlung verwendet wurde, da sie noch nicht in der Kaltabschaltung waren.
Dies verursachte zwei weitere Probleme. Zunächst verursachte der der Dampf einen hohen Druck innerhalb der Containments. Außerdem wurden durch das Sinken des Wasserstandes Teile der Brennstäbe der Luft innerhalb des Containments ausgesetzt, was für ein schnelleres Ansteigen der Temperatur sorgte. Die Hitze beschädigte dann den Kern.
Was hat das mit den Brennstäben an der Luft zu bedeuten?
Wenn der Stand der Kühlung innerhalb der Reaktoren niedrig genug sinkt, werden Oberseiten der Brennstäbe der Luft innerhalb des Containments ausgesetzt. Sie sind nicht in der Atmosphäre und die Containments sind immer noch intakt. Wenn Nachrichten über „Brennstäbe, die der Luft ausgesetzt sind“ berichten, meinen sie das.
Was wird getan? Und was ist mit den Explosionen?
Von Anfang an hatte TEPCO die Option, die Reaktorkammern mit Boron-angereichertem Meereswasser zu fluten, was dann die normalen Kühlungssysteme ersetzt und die normale Kühlung der Reaktoren ermöglicht hätte. Unglücklicherweise zerstört dies auch die Reaktoren dauerhaft, aufgrund von Korrosion und anderer Faktoren. Dies würde TEPCO und die japanischen Steuerzahler Milliarden Dollar kosten, auch wenn die Reaktoren kurz vor der Abschaltung standen. Noch wichtiger: Die Reaktoren würden während eines nationalen Desasters keine Elektrizität produzieren. Die Meerwasser-Methode ist in diesem Sinne die „letzte Zuflucht“, aber es ist immer eine Option gewesen.
Um dies zu vermeiden hat TEPCO Schritte in die Wege geleitet, um die Kühlungssysteme wieder ans Netz zu bringen und den Druck innerhalb des Containments zu reduzieren. Dies beinhaltete das Anschließen tragbarer Generatoren, die Reparatur beschädigter Systeme, das Ablassen von Dampf und Gasen aus dem Containment und andere Maßnahmen. Diese Methoden funktionierten bei Reaktor #2 in Fukushima, bevor es dort zu weiteren Komplikationen kam; Reaktor 4 – 6 waren bereits vor dem Erdbeben abgeschaltet worden. Reaktor #1 und #3 allerdings reagierten nicht auf diese Versuche, weswegen entschieden wurde, sie mit Meerwasser zu fluten.
Eines der Nebenprodukte von Reaktoren wie denen in Fukushima ist Wasserstoff. Normalerweise wird dieses Gas langsam abgelassen und verbrannt. Mehr Wasserstoff als üblich könnte durch den Schaden in den Brennstoffkernen in Reaktor #1 und #3 generiert worden sein. Aufgrund der Natur des Unfalls wurde der abgelassene Wasserstoff nicht vernünftig verbrannt, bevor er freigesetzt wurde. Dies führte zu einer Ansammlung von Wasserstoff-Gas im Gebäude von Reaktor #1, aber außerhalb des Containments.
Während der Flutung von Reaktor #1 entzündete sich das Gas, was die Explosion der – größtenteils kosmetischen – äußeren Hülle bewirke. Diese Hülle war aus Blech auf einem Stahlgerüst, und es benötigte keine besonders große Kraft, sie zu zerstören. Der Reaktor selber wurde nicht beschädigt, und es gab nur vier geringere Verletzungen. Dies was eine konventionelle chemische Reaktion und keine nukleare Explosion.
Auf diesem Foto ist sichtbar, was passiert ist. Beachtet, dass der Reaktor, abgesehen von der Blechhülle, intakt ist. Das Containment ist nicht gebrochen und schließlich wurde der Wasserstand in Reaktor #1 als stabil bezeichnet, die Brennstäbe nicht der Luft ausgesetzt und der Reaktor entwickelte sich weiter in Richtung Kaltabschaltung.
Um ungefähr 2:30 Uhr GMT am 14. März gab es eine ähnliche Explosion im Gebäude von Reaktor #3. Diese Explosion kam nicht unerwartet, da TEPCO vor der Möglichkeit gewarnt hat. Es wurde bekannt gegeben, dass das Containment nicht beschädigt war und der Flutungsprozess weiter von statten ging. Schließlich wurde auch dieser Reaktor für stabil erklärt.
Um 7:30 Uhr wurde bekannt gegeben, dass die Reaktion in Reaktor #3 die bereits hinkende Kühlung in Reaktor #2 beschädigt hatte. Die Meerwasser-Methode wurde nun auch hier angewendet.
Um 21:00 Uhr geschah etwas Ungeklärtes innerhalb des suppression pools (?) in Reaktor #2, was zu einem lauten Geräusch und zu einem Sinken des Druckes innerhalb des pools führte.
Was genau passierte, ist unklar, aber der Wasserstand und der Druck innerhalb des Containments selber sind unverändert. Nicht mehr benötigtes Personal wurde als Vorsichtsmaßnahme evakuiert, was der offiziellen Prozedur entspricht. Es wird weiter Meerwasser in Reaktor #2 gepumpt, mit einigem Erfolg. Berichten zufolge, sind die Brennstäbe zum Teil Luft ausgesetzt, allerdings mit einem steigenden Wasserstand. Es ist nicht bekannt, was der Langzeiteffekt des Ereignisses im suppression pool sein wird, da er primär während der Stromgenerierung durch die Turbinen benötigt wird.
Was ist mit dem Feuer?
Reaktor #4 war in Kaltabschaltung und galt ursprünglich nicht als Risiko. Nach dem Vorfall im suppression pool in Reaktor #2 wurde allerdings enthüllt, dass das Gebäude von Reaktor #4 einige Zeit zuvor Feuer gefangen hatte. Die genaue Ursache ist nicht bekannt, aber der wahrscheinlichste Grund ist die Explosion im Gebäude von Reaktor #3. Das Feuer wurde mittlerweile gelöscht.
Berichte zeigen, dass das Feuer das Speicherbecken mit benutzten Brennstäben betroffen haben könnte. Das könnte mit dem plötzlichen Anstieg der Radioaktivität in der Umgebung in Verbindung stehen (s.u.).
Gibt es ein Strahlungs-Leck?
Das ist eine schwierige Frage. Um sie angemessen zu beantworten, müssen wir zunächst die Art und Weise, wie Strahlung gemessen wird, klären.
Es gibt dazu verschiedene Methoden. In diesem Fall werden wir „Gray“ (Gy) und „Sievert“ (Sv) benutzen. Innerhalb dieses Artikels sind sie äquivalent. Die Strahlung außerhalb der problematischen Fukushima-Reaktoren wird derzeit im microSv-Bereich, also im Bereich von einem Millionstel eines Sv gemessen. http://www.merckmanuals.com/professional/sec21/ch317/ch317a.html#sec21-ch317-ch317a-610 zeigt die Auswirkungen verschiedener Strahlungsniveaus. Zum Vergleich gibt es auch eine Tabelle von Strahlungsniveaus, denen ein Mensch normalerweise ausgesetzt ist (z.B. von Röntgenstrahlen und Flügen). Strahlung ist bis zu einem Niveau von ca. 1 Sv kein unmittelbares Gesundheitsrisiko. Allerdings addiert sich die Strahlung auf, falls keine substanzielle Zeitspanne zwischen den Aussetzungen liegt.
Das Containment der Reaktoren ist zu diesem Zeitpunkt nicht gebrochen. Soweit wir wissen, gibt es kein Leck oder Ähnliches. Das bedeutet allerdings nicht, dass es in der Umgebung von Fukushima Eins keine höhere Strahlung gibt – aus diversen Gründen.
Ein Grund für das höhere Niveau im direkten Umkreis des Kraftwerks ist die gewollte Freisetzung radioaktiven Dampfes. Das Niveau steigt während des Auslassens in den Bereich von 700 – 1500 microSv pro Stunde und sinkt dann sehr schnell wieder auf ein fast normales Hintergrundniveau, da das radioaktive Material in diesem Dampf nur eine sehr kurze Halbwerts-Zeit hat. Das Ablassen findet statt, um den Druck innerhalb der Containments zu senken.
Zudem gab es mit dem Dampf sehr geringe Freisetzungen von Nebenprodukten wie Caesium und Jod. Dieses Material ist weniger radioaktiv als der typische Auswurf von Kohlekraftwerken und hat nur eine sehr geringe Halbwerts-Zeit. Es ist in der Hinsicht signifikant, als dass es ein Zeichen für eine Beschädigung des Kerns ist.
Trotzdem gab es ungefähr simultan zum Vorfall im suppression pool in Reaktor #2 and dem Feuer im Gebäude von Reaktor #4 einen alarmierenden Anstieg der Radioaktivität. Mittlerweile ist das Niveau wieder gesunken, aber für einen kurzen Zeitraum war die Strahlung in der Umgebung gefährlich hoch, im Bereich von 400 milliSv pro Stunde in der Umgebung von Reaktor #4.
Diese Niveaus hielten nicht länger als einige Minuten und sind seitdem auf ein weniger gefährliches Niveau gesunken. Die letzte verfügbare Information zeigt 489,8 microSv pro Stunde und ein weiteres Sinken des Niveaus. Es ist derzeit nicht bekannt, was diesen Anstieg auslöste, aber das Feuer im Becken mit den benutzten Brennstäben im Gebäude von Reaktor #4 ist ein Hauptverdächtiger.
Ist Tokio in Gefahr?
Derzeit sind die gemessenen Strahlungsniveaus ein wenig höher als normal in vielen Gebieten Japans, was Teile Tokios beinhaltet. Allerdings sind sie immer noch im ein- oder zweistelligen microSv-Bereich, weit unter jeder Gefahr.
Dies bedeutet nicht, dass sich das nicht ändern wird. Ereignisse wie der Brand der benutzten Brennstäbe könnten weitreichendere Probleme verursachen, abhängig von der Ernsthaftigkeit des Vorfalls.
Ist eine „China Syndrome“-Kernschmelze möglich?
Definitv nein, da jede Brennstoffschmelze in Fukushima begrenzt sein wird, da der Brennstoff physikalisch nicht in der Lage ist, von sich aus eine Kernspaltungs-Reaktion hervorzurufen. Dies liegt am Design der Reaktoren als Leichtwasser-Reaktor (LWR)
In einem LWR wird Wasser sowohl als Kühler für den Brennstoffkern und als „Neutronen-Moderator“ benutzt. Was ein Neutronen-Moderator tut, ist sehr kompliziert und technisch, aber kurz gesagt, bricht die Kernspaltungs-Reaktion ab, sobald der Moderator entfernt wird.
Ein LWR-Design begrenzt den Schaden einer Kernschmelze, denn wenn der gesamte Kühler abgekocht wird, setzt sich die Reaktion nicht fort, da der Kühler gleichzeitig der Moderator ist. Der Kern wird ausschließlich Zerfallswärme erzeugen, die zwar gefährlich und stark genug ist, den Kern zu schmelzen, aber nicht annähernd so gefährlich wie eine aktive Spaltungsreaktion.
Das Containment in Fukushima SOLLTE stark genug sein, nicht zu brechen, auch nicht während einer Zerfallswärme-Schmelze. Die Menge der Energie, die durch den Zefall produziert werden könnte, kann einfach berechnet werden und es ist möglich einen Behälter zu bauen, der dieser Energie widersteht. Falls er das nicht tut, und der Kern durch den Boden des Behälters schmilzt, wird er in einer Barriere unter dem Reaktor enden. Es ist beinahe unmöglich, dass eine Brennstoffschmelze durch Verfall dieser Barriere etwas anhat. Ein Containment-Versagen wie dieses würde zwar eine Menge Säuberungsarbeiten verursachen, aber kein Entweichen radioaktiven Materials in die äußere Umwelt.
Ein Worst-Case-Szenario in Bezug auf die kerne ist ein Containment-Versagen kombiniert mit einem unkontrollierten Austretens radioaktiven Dampfes. Das hätte eine lokale und temporäre Steigerung der Radioaktivität, ähnlich, wie es bereits der Fall ist (s.u.) zur Folge, würde aber kein wirkliches Entweichen nuklearen Brennstoffs oder weitreichende Kontaminierung zur Folge haben. Es ist die MÖGLICHKEIT, die zu den Evakuierungen führt.
Es scheint, als sei das Kühlungsproblem größtenteils, wenn auch nicht vollständig, durch die Flutung der Kammern gelöst worden. Reaktor #1 und #3 haben stabile Wasserstände und das Risiko einer weiteren Kernschmelze gilt als äußerst gering. Reaktor #2 hatte weiterhin Problem, und es wurde soeben verkündet, dass der Wasserfluss wieder eingesetzt hätte.
Ich habe gehört, dass eine radioaktive Wolke über den Pazifik kommt.
So wie er aktuell aussieht, ist der Dampf, der von Japan nach Osten geweht wird, weniger gefährlich als ein Jahr in Denver zu leben. FALLS er über den Ozean kommt, wird er zum Ankunftszeitpunkt fast unbemerkbar sein und vollständig harmlos, weil das gefährliche Material im Dampf bis dahin zerfallen sein wird.
Der US Aircraft Transporter Ronald Reagan hat die Wolke passiert und keinen Langzeitschaden erlitten. Das Material wurde mit Wasser und Seife entfernt und das Schiff gilt nun als kontaminierungsfrei.
Zukünftige Vorfälle können gefährlichere Wolken verursachen, aber es bleibt unwahrscheinlich, dass irgendetwas Gefährliches den Pazifik überqueren und dabei gefährlich bleiben könnte. Der Unfall in Tschernobyl schleuderte Unmengen an radioaktivem Material in die Luft, und es war nicht in der Lage, sich weiter als 1500 Meilen zu verbreiten, was weniger als die Hälfte der Distanz zu den USA beträgt.
Müssen wir uns über Fukushima Zwei Sorgen machen?
Die vier Reaktoren in Fukushima Zwei haben keine Schäden an ihrer externen Stromversorgung durch den Tsunami erlitten und arbeiten normal, wie es für den abgeschalteten Zustand zu erwarten ist. Es wurde kein Lüften erforderlich, and die Reaktoren #1, #2 und #3 sind bereits vollständig in der Kaltabschaltung.
Kann dies wie Tschernobyl enden?
Nein, kann es nicht. Aus verschiedenen Gründen:
- Tschernobyl verwendete Graphit als Neutronen-Moderator und Wasser als Kühler. Aus komplizierten Gründen führte dies zu einer Erhitzung und Verdampfung des Kühlers, die Spaltungsreaktionen intensivierten sich und verwandelten noch mehr Wasser in Dampf, was zu einem Rückkopplungseffekt führte. Die Fukushima-Reaktoren verwenden Wasser sowohl als Kühlung als auch als Moderator, was bedeutet, wenn das Wasser sich erhitzt und verdampft, verlangsamt sich die Reaktion stattdessen. (Der Effekt der Verwandlung des Kühlungswassers in Dampf auf den Betrieb eines Reaktors ist als „Hohlraum-Koeffizient“ bekannt und kann positiv oder negativ sein.)
- Tschernobyl war so aufgebaut, dass, wenn sich die Brennstoffe erhitzten, die Reaktion sich intensivierte, wodurch der Kern noch mehr erhitzte, was einen weiteren Rückkopplungseffekt zur Folge hatte. In Fukushima verlangsamt sich die Reaktion, sobald der Brennstoff sich erhitzt. (Der Effekt des Aufheizens des Brennstoffes auf den Betrieb eines Reaktors ist als „Temperatur-Koeffizient“ bekannt und kann ebenfalls positiv oder negativ sein.)
- Der Graphit-Moderator in Tschernobyl war brennbar und als der Reaktor explodierte, verbrannte das radioaktive Graphit und landete in der Atmosphöre. In Fukushima wird Wasser als Moderator verwendet, das natürlich nicht brennbar ist.
Beachtet, dass Tschernobyl zwar Leichtes Wasser (als Unterschied zu Schwerem Wasser) zur Kühlung verwendete, es aber kein Leichtwasserreaktor war. Der Ausdruck LWR wird ausschließlich für Reaktoren verwendet, die Leichtes Wasser sowohl für Kühlung, als auch für Neutronen-Moderation verwenden.
Das was Tschernobyl am Nähesten kommen könnte, wäre wenn die verbrauchten Brennstäbe Feuer fangen und weiter brennen würden. Dies könnte größere Mengen radioaktiven Rauchs verursachen, der viel gefährlicher als der abgelassene Dampf wäre, da er viel länger haltbares radioaktives Material enthalten würde. Bisher scheint dies verhindert worden zu sein, aber die Möglichkeit bleibt.
Die Nachrichten sprechen trotzdem vom schlimmsten Atomkraft-Unfall seit Tschernobyl.
Das heißt nicht viel, wenn man sich die Wettbewerber ansieht. Die IAEA wertet Nuklear-Vorfälle auf einer Skala, wobei Stufe 4 für einen „Unfall mit lokalen Folgen“ steht; die Fukushima-Situation ist das einzige Ereignis seit Tschernobyl 1986, das tatsächlich ein Kraftwerk beinhaltet, wodurch nicht außergewöhnlich ist, das Fukushima das „Schlimmste“ ist.
Dies ist ein sehr ernst zu nehmender Unfall, aber bisher ist es kein Tschernobyl. Es gab keine Todesfälle, keinen Ausfall der Containments und keine Freisetzung langlebigen radioaktiven Materials.
Ist es wie Three Miles Island?
Es gibt Ähnlichkeiten. Bisher ist das freigesetzte radioaktive Material größer als in TMI, aber wie bei TMI gab es keine Tode. Ebenso wird, egal wie es ausgeht, der PR-Schaden für die Atomindustrie ebenso immens sein.
Woher wissen wir, dass die japanische Regierung und TEPCO nicht lügen?
Bei Tschernobyl hat die sowjetische Regierung versucht, es unter Verschluss zu halten. Es hat nicht funktioniert, teils deshalb, weil das radioaktive Material durch die Ausrüstung an Reaktoren und Universitäten anderer Länder entdeckt wurde. Es ist extrem schwer, diese Art von Vorfällen geheim zu halten.
Der US Aircraft Transporter Ronald Reagon ist nuklear betrieben und hat deswegen dieselbe Art von Identifizierungs-Ausrüstung, die auch ein Bodenreaktor hat. Zurzeit befindet er sich vor der Küste Japans und hat nichts entdeckt, was den Aussagen TEPCOs und der Regierung widersprechen würde.
Dennoch wurde das Feuer im Gebäude von Reaktor #4 mehrere Stunden lang nicht berichtet. Das hat viele Menschen in Japan und im Ausland dazu geführt, die Korrektheit der Aussagen zu bezweifeln. Zusätzlich ist das Vorhandensein verbrauchter Brennstäbe nach einer solchen Katastrophe beunruhigend, da man normalerweise erwarten würde, das solch gefährliches Material bei erster Gelegenheit in ein sicheres Lager gebracht würde.
Der Glaube in die Fähigkeit TEPCOs, mit dieser Situation umzugehen wurde erschüttert, aber sie wären nicht in der Lage, irgendwelche Ereignisse, die in einer Freisetzung radioaktiven Materials enden würden, zu verbergen. Das wissen sie und es scheint kaum möglich, dass sie es versuchen.
Durch die Aufrichtigkeit der Regierung, dazu gehört das offene Eingeständnis des Premiermininisters ernsthafter Probleme in Fukushima Eins zusammen mit der Bitte, Ruhe zu bewahren, scheint es unwahrscheinlich, dass sie wissentlich über zukünftige Entwicklungen lügen würden. Die Zeit wird es zeigen.
Wie kann ich den Entwicklungen folgen?
Einige westliche Medien zeigten sich bei der Berichterstattung über dieses Ereignis ziemlich schlecht, aufgrund einer Kombination sensationalistischer Berichterstattung, Ignoranz, Spekulation und den Gebrauch unexakter und unerklärter Terminologie. In vielen Fällen zeigt dasselbe Netzwerk sowohl solide Informationen als auch Sensationalismus. Es gibt keine einzige vertrauenswürdige Quelle.
Viele der Informationen in dieser FAQ stammt aus Live-Pressekonferenzen und Nachrichtenberichten, aber die Übersetzungen der westlichen Netzwerke sind nicht sehr zuverlässig, und wenn man nicht gerade Japanisch spricht, nicht sehr hilfreich.
Die Pressemitteilungen von TEPCO waren bisher als glaubwürdig angesehen, aber neuere Entwicklungen führen zu einigen Zweifeln. Außerdem ist aufgrund des hohen Traffics die Website nicht immer erreichbar.
Andere Institutionen stellen akkurate Neuigkeiten auf Englisch zur Verfügung, wenn auch nicht immer aktuell, dazu gehören die Internationale Atomenergie-Organisation, die Japanese Nuclear and Industry Safety Agency und das Büro des japanischen Premierministers.
Eingeordnet unter Anderes und Unwichtiges
Neues Design, neues Banner…
…jetzt auch optimiert für die Anzeige im Browser der Wii.
Eingeordnet unter Allgemeines
An die Guttenberg-Apologeten…
…wenn man es „wagt“, Guttenberg, diesen schmierigen, populistischen, sich an das autoritäts-affine Wutbürgertum anbiedernden Ausläufer des deutschen Hochadels zu kritisieren, nicht nur, weil er ein Adeliger des erwähnten Formates ist, sondern ganz nebenbei, weil er einen großen Teil seiner Dissertation geklaut hat, was übrigens nicht nur akademische, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte, aber hauptsächlich aus o.g. Gründen (s. Populismus, autoritäts-affines Wutbürgertum, Hochadel) und diese Doktorarbeits-Debatte nur als Aufhänger und zusätzlichen Beweis nimmt – dann ist man also gleich ein „Neider“ oder „Hetzjäger“?
Wer Politiker nur an ihren Titeln und ihrer Präsenz und nicht an ihrem Handeln misst, der zeigt damit, dass sein Verständnis für Politik eher gering ausgeprägt ist, true story.
Eingeordnet unter Mein Senf
„So einfach ist das“ – Episode 3: „Der Literatur-Discount“
Ich bin bei Thalia, dem Lidl unter den deutschen Buchläden (nur ohne die Überwachung, hoffe ich). Ich bin hier, um mir ein Buch zu kaufen, da ich aber noch nicht weiß, welches es sein wird, werde ich ein wenig die Regale durchsuchen und hoffen, dass mich die Verkäuferinnen in Ruhe lassen. Wie haben es Audio88&Yassin so eloquent formuliert? „Ich will in einem Buchladen nicht gefragt werden ob ich etwas Bestimmtes suche – ich bin nicht bescheuert! Ich bin in einem Buchladen und suche mit aller Wahrscheinlichkeit ein Buch und NICHTS Bestimmtes!“
Allerdings komme ich mir im Moment wirklich ein bisschen bescheuert vor, weil ich mich in die „Zeitgeschichte“-Abteilung, und das bei Thalia, gewagt habe, obwohl ich genau weiß, was mich dort erwartet: 15 Bücher über Helmut Schmidt, 15 Bücher über Hitler und zwei Regalreihen mit dem Guttenberg-Buch. Besteht für den typischen Thalia-Kunden, der ja den typischen deutschen Mittelständler darstellen sollte, der Komplex Zeitgeschichte wirklich nur aus den Punkten Schmidt, Hitler, Guttenberg und Sarrazin? Dieser Gedanke macht mir Angst, und ich hoffe, dass es nicht so ist, aber trotzdem verlasse ich diese Ecke, vorbei an drei Regalreihen Sarrazin (ach ja, Sarrazin – die fleischgewordene Xenophobie in Kombination mit Aufmerksamkeitshurerei) und zwei Regalreihen Sekundärliteratur zu Sarrazin („Er hat recht!“ – „Er hat unrecht!“ – „Er hat recht, formuliert aber zu provokant!“ – „Er zeigt richtige Fakten auf, zieht aber die falschen Schlüsse!“ – „Ich, Josef Joffe, habe auch eine Meinung zu Sarrazin und habe auch ein Buch darüber geschrieben!“ – „Ich, Frank Schirrmacher, ebenfalls!“).
Was gibt es noch im Sachbuchbereich? Reiseführer („Die schönsten Seiten Mallorcas“)? IT-Bücher? („Das Internet-Addressbuch“)? Esoterik? („Jesus und Buddha – Einzelkämpfer, Freunde, Lebenspartner“)? Klingt alles vielversprechend, aber… nein, ich gehe raus aus dieser Abteilung.
Also auf zu den Romanen: Fantasy und Science Fiction haben ihre eigenen Giftschränke, der Rest ist als „Unterhaltung“ zusammengefasst. Hier stehen Dan Brown, Paul Auster, Wolfgang Koeppen, Michael Houllebecq und Oliver Uschmann in trauter Eintracht beieinander. Nebenan beginnt die Jugendbuch-Abteilung.
„Ich suche ein Buch über Rrräpp“, höre ich eine Frauenstimme aus dieser Abteilung.
„Ja, da hätten wir hier einen Krimi…“, schlägt eine Verkäuferin vor.
„Ach nö, nicht so ein Umbringbuch, da kann meine Tochter bestimmt wieder nicht schlafen. Haben Sie nicht irgendwas Friedliches über Rrräp?“
Ich entscheide mich schließlich für Sven Regeners „Herrn Lehmann“. Sogar relativ schnell, was auch an der unangenehmen Stimme der Rap-interessierten Kundin gelegen haben kann. An der Kasse empfiehlt mir die Verkäuferin, wenn mir „Herr Lehmann“ gefallen würde, sollte ich doch mal was von Tommy Jaud probieren, der sei „suuuuper witzig, ich hab den letztes Jahr im Urlaub gelesen und der ist wirklich fast genauso wie Herr Lehmann“. Nachdem sie diesen Satz gesprochen hat, entscheide ich mich, ihr keinen schönen Tag zu wünschen.
Ganz abgesehen davon, dass das Wünschen eines schönen Tages sowieso befremdlich ist. Natürlich hätte ich kein Problem damit, wenn sie einen schönen Tag hat, prinzipiell wäre es natürlich wünschenswert, wenn alle Menschen einen schönen Tag haben, aber warum sollte ich das Leuten, die ich nicht kenne, noch mal explizit wünschen, und anderen Leuten, die ich genau so wenig kenne, nicht? Warum wünscht man der Kassiererin einen schönen Tag, den Leuten in der Schlange vor und hinter einem, den anderen Kunden im Laden und den hunderten Menschen in der Stadt aber nicht, obwohl diese einen schönen Tag genau so verdient haben wie jeder andere auch, prinzipiell gesehen? Aber das nur am Rande.
Eingeordnet unter Kreative Auswüchse
Spielekritiker – haltet uns nicht für dumm!
Wien, Anfang des 20. Jahrhunderts: Ein Leutnant besucht ein Oratorium. Er ist ein dummer, ungebildeter, antisemitischer Idiot, der sich bei der klassischen Musik zu Tode langweilt, ein komplett unreifer Versager, der sich einzig und allein auf seinen militärischen Ehrenkodex stützen kann (der allerdings auch nur verlogen ist, da der gute Leutnant nur zum Militär ging, weil ihm aufgrund seiner Inkompetenz nichts Anderes übrig blieb) – und noch nicht einmal diesen Kodex kann er konsequent verfolgen, denn obwohl er nach einer Ehrverletzung an der Garderobe nach diesem Kodex nur noch Suizid begehen könnte, ist er dazu zu feige und erleichtert, als er hört, dass der, der seine Ehre verletzte einen Herzinfarkt erlitten hat und niemandem mehr etwas davon erzählen kann.
Moskau, Anfang des 21. Jahrhunderts: Eine Gruppe Terroristen unter der Führung des Aufwieglers Makarov stürmt einen Flughafen. Darunter: Ein amerikanischer Agent, der sich dort eingeschlichen hat und bei allem mitspielen soll, um Schlimmeres zu verhindern – denn das Pentagon befürchtet, dass es zum dritten Weltkrieg kommen wird. Also muss der Agent mitmachen bei dem Anschlag auf den Flughafen, bei dem hunderte von Zivilisten sinnlos abgeschlachtet werden. Doch der einzige Zweck, den dieses Mitlaufen hat, die Verhinderung eines dritten Weltkrieges wird sinnlos, denn Makarov hat den Plan der USA durchschaut, tötet den Agenten und lässt seine Leiche am Flughafen zurück, sodass es aussieht, als ob der Anschlag von Amerikanern begangen worden wäre – es kommt zum Krieg. Später wird sich herausstellen, dass Makarov und seine Terroristen von einem amerikanischen General finanziert wurden, da dieser sich von einem solchen Weltenbrand Ruhm und – vor allem – Profit verspricht und dabei auch nicht davor zurückschreckt, seine eigenen Soldaten zu töten.
So unterschiedlich diese Szenarien sein mögen, sie haben mehrere Gemeinsamkeiten und einen großen Unterschied. Die Gemeinsamkeiten: Es sind – natürlich – fiktive Szenarien aus erzählerischen Werken, die das Militär kritisieren, die Szene in Wien die starren, obsoleten Strukturen und die Dummheit und Borniertheit seiner Vertreter, die Szene in Moskau die Sinnlosigkeit und Verlogenheit des „War On Terrorism“. Und in beiden Werken ist die einzige angebotene Perspektive für den Rezipienten die des aktiven Teilnehmers, in der ersten die des Leutnants, in der zweiten die des Agenten, der sich am Flughafenmassaker beteiligt und später selber getötet wird und später die eines Soldaten, der in Russland kämpft und später eines Soldaten, der vom korrupten General mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt wird. All diese Dinge – die Dummheit und Feigheit des Leutnants, die zweckgerichtete Grausamkeit des Agenten, das Leid des Soldaten, der zu viel wusste – all das erleben wir distanzlos und ungefiltert, wodurch die Kritik am Militarismus natürlich sehr verstärkt wird – vorausgesetzt, natürlich, der Rezipient erkennt das und setzt den Erzähler, aus dessen Perspektive das Geschehen berichtet wird, nicht mit dem Schöpfer des Werks gleich.
Das führt uns allerdings bereits zum großen Unterschied zwischen diesen beiden Werken: Das erste ist die Novelle „Lieutenant Gustl“ von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1900, die zur Weltliteratur gehört, und bei deren Rezipienten man allgemein annimmt, dass sie den distanzlosen Bericht in Form des inneren Monologs als ironische Kritik verstehen und selbstständig eine kritische Haltung gegenüber dem Protagonisten einnehmen können.
Das zweite ist der Ego-Shooter „Call of Duty: Modern Warfare 2″ von Infinity Ward, welches zu den erfolgreichsten Spielen der Welt gehört, bei dem man allerdings leider annimmt, dass die Rezipienten sich nicht von dem brutalen Geschehen auf dem Bildschirm distanzieren können, dass sie gegenüber den Protagonisten keine kritische Haltung und keine Distanz einnehmen können, sondern dass sie deren Verhalten als Vorbild nehmen könnten, dass sie gar potenzielle Amokläufer seien!
Und das macht mich als jemanden, der sowohl die Literatur als auch das interaktive digitale Spiel als künstlerische Ausdrucksform kennt und schätzt, einfach nur wütend.
Da werden Spiele, die für Erwachsene (welche zum kritischen Denken in der Lage sein sollten) gedacht sind, als schädlich für Kinder bezeichnet – dabei dürfen sie in Deutschland nicht einmal an Kinder und Jugendliche verkauft werden! (Deutschland hat, das nur mal am Rande bemerkt, den schärfsten Jugendschutz der WELT, trotzdem gibt es in anderen Industrieländern meistens nicht mehr Amokläufe als in Deutschland, somit ist die These „Videospiele machen Jugendliche zu Amokläufern“ faktisch widerlegt)
Tatsächlich haben wir in Deutschland so etwas wie Kunstfreiheit, sogar geschützt durch Artikel 5 des Grundgesetzes: „Eine Zensur findet nicht!“ Und die Freiheit der Kunst in einem freiheitlich-demokratischen Staat ist immer die Freiheit, sich künstlerisch mit kontroversen Themen auseinanderzusetzen (und dazu auch Krieg und Gewalt), denn künstlerische Werke ohne diesen Anspruch, also z.B. eskapistische Literatur, braucht diesen Schutz nicht, diese Werke wären auch in einem totalitären System denkbar (was natürlich nicht gegen sie spricht, sie haben einfach keinen Anspruch, der einem solchen System gefährlich werden könnte).
Warum also wird es also allen Kunstformen gestattet, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, vielleicht auch auf eine Weise, die vom Rezipienten die Fähigkeit zum kritischen Denken voraussetzt – nur den Spielen nicht? Vermutlich hat es mit der Assoziation „Spiel – Spielzeug“ zu tun, die bei vielen Zeitgenossen immer noch im Kopf verankert ist – wer allerdings dieses Vorurteil hegt, zeigt damit nur, dass er sich mit aktuellen Spielen so gut wie überhaupt nicht beschäftig hat, also gar nicht ernsthaft mitreden kann.
Aber woher kommt dieses Bild des unreflektierten Spielers, des Videospiels als reinen Spielzeugs? Nun, die Antwort ist so simpel wie schmerzhaft: Von uns Spielern selber – denn wir selber nehmen unser Medium oft genug nicht ernst.
Wenn man sich die Spiele-Rezensionen der hiesigen Fachpresse anguckt, so erkennt man schnell: Die Herangehensweise der meisten Gazetten gleicht der der Stiftung Warentest, bewertet werden Spielspaß, Grafik, Features, Sound usw., mit unterschiedlicher Bepunktung der einzelnen Kategorien, um am Ende eine Endnote oder eine Prozentzahl zu erhalten. Dieses Spiel erhält eine 2+, für Action-Freunde empfehlenswert, allerdings mit mieser Grafik. Diese Art von „Kritik“ ist grausam, denn sie zeugt von einer gnadenlosen Ignoranz gegenüber dem Medium, das man selber so sehr schätzt. Auf die gleiche Weise könnte man eine Mikrowelle, einen Wecker oder eben ein Spielzeug testen. Kritiken, wie man sie in anderen Bereichen des Kulturbetriebes, bei der Literatur oder beim Film etwa, sehr gut kennt, bei denen nicht auf das nackte technische Skelett, sondern auf die künstlerische Vision, auf die Idee und ihre Umsetzung eingegangen wird, in denen man dem Leser zutraut, dass er selber denken und die Meinung des Kritikers selbstständig reflektieren kann, sodass eine „Bepunktung“ unnötig wird – so etwas gibt es bei Spielen leider viel zu selten.
Und die Spieler? Sie akzeptieren diese Stigmatisierung von Spielen als Schund. Denn wenn sie ernst genommen werden würden, dann müssten sie auch anerkennen, dass es auch viele Spiele gibt, die vom künstlerischen Wert her nichts sind, reines Spielzeug eben. Aber: Sie müssten sich nicht mehr dafür rechtfertigen, wenn sie auch einige dieser Spiele mögen (was ich im Übrigen auch tue) – genau so wenig, wie sich niemand rechtfertigen muss, der statt des Walser-Romans lieber den neuesten Dan Brown liest.
Insgesamt muss ich die Aufforderung vom Anfang also ergänzen: Spielekritiker, haltet uns nicht für dumm – und Spieler, nehmt euer Medium ernst. Verdammt noch mal.
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Filmkritik: „A Serious Man“
Ein osteuropäisches Schtetl in einer stürmischen Nacht, irgendwann zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Ein Mann kehrt von der Arbeit nach Hause und erzählt seiner Frau, ein alter Bekannter habe ihm mit dem Karren geholfen. Die Frau erschrickt: Dieser Bekannte ist, soweit sie weiß, vor kurzer Zeit gestorben – folglich muss ihr Mann einen Dibbuk getroffen haben, einen jüdischen Totengeist. Als der Bekannte dann anklopft und der Mann ihn einlässt – als Dankbarkeit für seine Hilfe hat er ihn auf eine Suppe eingeladen – sticht ihm die Frau eine Gabel in die Brust. Der vermeintliche Geist bricht in schallendes Gelächter aus und wankt hinaus in die Nacht. War er ein Dibbuk, der sich durch seine Hilfe nur bei dem Mann einschmeicheln und dessen Familie einen Fluch aufhalsen wollte ? Oder hat sich die Frau geirrt und er war gar nicht tot, bis sie ihm die Gabel in die Brust gerammt hat? Diese Frage bleibt offen in dieser kurzen Szene, die dem Film „A Serious Man“ der Coen-Brüder vorangestellt ist.
Die sechziger Jahre, der Mittlere Westen der USA – ein beschauliches Städtchen, in dem typische Spießer ihre typischen Spießerleben führen. Larry Gopnik, liberaler Jude, ist Physik-Professor an einer renommierten Universität, wird vermutlich bald eine Festanstellung bekommen und hat sich im Leben nie etwas zuschulden kommen lassen. Der Sohn Danny geht auf eine Hebräisch-Schule, wobei er im Unterricht lieber heimlich Jefferson Airplane („Somebody to love“) hört, als den drögen Ausführungen des greisen Lehrers zu folgen und sich in den Pausen auf der Toilette zukifft. Außerdem steht er kurz vor seiner Bar Mitzvah. Larrys Bruder Arthur hat sich bei ihm eingenistet und entwickelt absurde pseudo-wissenschaftliche Theorien. Und die Tochter hat nichts als ihre Haare im Kopf.
Diese subtil-ironische aber doch fast schon ekelhaft Robin-Williams-hafte Idylle und Beschaulichkeit wird zum Glück sofort zerstört: Larry erfährt, dass seine Frau Judith mit dem Familienfreund Sy Ableman zusammen ist und sich von Larry scheiden lassen will. Ein Student versucht ihn zu erpressen, um eine bessere Note zu erhalten. Seine Kinder interessieren sich nicht für ihn, wenn er nicht gerade die Antenne auf dem Dach richten oder Onkel Arthur aus dem Badezimmer jagen soll, damit die Tochter sich ihre Haare machen kann. Und der scheinbar rechtsradikale Nachbar und dessen feister Sohn kommen ihm immer bedrohlicher vor – außerdem mähen sie ein Stück zu weit auf seiner Seitde des Rasens. Danny hat nebenbei noch ein weiteres Problem: Er schuldet seinem brutalen Mitschüler Fagle noch Geld für Gras, das sich allerdings in der Hülle seines Radios befindet – und das hat der Hebräisch-Lehrer in der letzten Stunde konfisziert. Jetzt hat es Fagle auf ihn abgesehen.
Und es wird nicht leichter für Larry, es kommt zu Autounfällen, ungeahnten Enthüllungen, Geldnot, sexueller Spannung und plötzlichen Todesfällen. Für den Zuschauer kaum ertragbar, dass all die, die ihm schaden, dermaßen höflich und gesetzt sind. Judiths neuer Freund Sy behandelt ihn wie einen guten Freund, schenkt ihm sogar Wein, sagt ihm, wie sehr er Larry schätzt und respektiert, sogar noch, als er ihn gemeinsam mit Judith einfach rauswirft. Und Larry? Larry wirkt hilflos. „I didn’t do anything!“, ruft er oftmals verzweifelt aus, aber es ändert nichts. Er rutscht immer tiefer hinein in seinen persönlichen Abgrund und kein haltendes Seil kann ihm helfen.
Er sucht Hilfe bei Rabbis, seinem Anwalt und bei der heißen Nachbarin, mit der er sich bei einem gemütlichen Joint entspannt – aber nichts kann ihm helfen. Die Rabbis können ihm nur von Gott erzählen, den er aber längst nicht mehr sieht, sein Anwalt kann ihm noch nicht einmal auf rechtlicher Seite wirklich helfen und die Nachbarin will er eigentlich nur vögeln.
Das alles erinnert natürlich an Hiob, der von Gott als Prüfung seines Glaubens mit Katastrophen und Entbehrungen geplagt wird, aber die Coen-Brüder halten sich natürlich nicht mit einer simplen Nacherzählung auf. Die Rabbis, die Larry konsultiert, können ihm zwar Gleichnisse und schöne Geschichten von Botschaften Gottes erzählen, aber Antworten haben sie auch nicht, verweisen nur auf die Unfehlbarkeit Gottes: „Hashem doesn’t owe us the answer“, erklärt ihm Rabbi Nachtner, „Hashem doesn’t owe us anything. The obligation runs the other way.“ – „Why does he make us feel the questions if he’s not give us any answers?“, will Larry wissen, worauf der Rabbi ihm antwortet: „He hasn’t told me.“
„He hasn’t told me“ und „I didn’t do anything.“ – diese beiden Sätze sind von zentraler Bedeutung. Larry wird, ohne zu wissen warum, das Opfer unzähliger Schicksalsschläge und zerbricht fast daran. Ist Gott daran Schuld? Wird er ihn am Ende entlohnen? Nein, das wird er nicht, das ist dem Zuschauer von Anfang an klar. Larry, in seiner immer größer werdenden Verzweiflung großartig gespielt von Michael Stuhlbarg, hat keine Chance. Denn Gott – falls es ihn geben sollte – belohnt ihm am Ende nicht für seine Glaubensfestigkeit, denn in dem Moment, in dem es scheint, als würde sich alles wieder zum Guten entwickeln bricht die Welt des Larry Gopnik endgültig in Stücke. Gott ist dabei abwesend.
Der Film erzählt von der Ungewissheit des Seins, von Abgründen, sozialer Isolation und totalem persönlichen Zusammenbruch, ist dabei aber nie voyeuristisch und setzt seine Figuren zu keinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit aus. Als Zuschauer empfindet man tiefes Mitleid mit ihnen und das Ende lässt einen ziemlich ratlos zurück. „A Serious Man“ ist ein tieftrauriges, zutiefst menschliches, mit feinem Gespür für Nuancen komponiertes, großartiges Kino-Meisterwerk.
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„Roadkill“
Mal wieder etwas freie Lyrik, und nein, dieser Text hat nichts mit dem Buch eines gewissen Frl. Hegemann zu tun.
Roadkill
Überfahre einen Hasen. Er ist schon tot, schon länger, von den vielen Reifen in eine zweidimensionale Fläche gepresst worden, auf der einen Seite aus Fell, auf der anderen aus Blut und ausgelaufenen Organen bestehend, mit einer kleinen Schnittstelle, an der Blut und Fell sich überlagern.
Fahre weiter. Ein Luftballon im Straßengraben. Ein roter Luftballon, der Blutdiamant unter den luftgefüllten Volksfestdekorationen. Jemand hat ihm einen Smiley aufgemalt. Das stoisch lächelnde Gesicht starrt gen Himmel. Er liegt dort genau richtig, der rote, lächelnde Ballon, und die Luft ist ihm noch nicht entwichen.
Doch ich muss weiter. Ich glaube, ich lasse mich verbrennen und meine Asche zu einem Diamanten pressen, ewige Fortexistenz als Zierrat auf der Fensterbank.
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Die fabelhafte Welt des Thilo Sarrazin
Natürlich ist Thilo Sarrazin ein Troll. Wer die Dummheit begeht, z.B. den Limes oder die chinesische Mauer als Beispiele für gelungene Migrationstionspolitik souveräner Nationalstaaten zu sehen, beides Bauwerke, die wohl eher der Militär- bzw. Kolonialpolitik als der Migrantenabwehr dienten, und das zu einer Zeit, zu der es noch überhaupt keine Nationalstaaten gab; von so jemandem sollte man in einem einigermaßen zivilisierten Land erwarten, dass man ihm kein hohes Amt in einer staatlichen Institution anbietet. Anders sieht die Sache natürlich aus, wenn er genau weiß, was das für ein Schwachsinn ist, und mit solchen Aussagen außschließlich provozieren will – und dann ist er ein Troll, und man müsste sich eigentlich nicht genauer mit seinen Aussagen befassen. Das Problem ist nur, dass Sarrazin ein verdammt guter Troll ist. So gut, dass er ernst genommen wird, und dabei rechtschaffene Empörung aus der Politik und den Medien sowie mehr oder weniger schweigende und lautlos murmelnde Zustimmung aus einem großen Teil der Bevölkerung erntet, wobei beides für die Lösung der Probleme der Integration von Ausländern ziemlich kontraproduktiv ist – die Empörung, weil sie die Empörten davon abhält, nach Lösungen zu suchen und gleichzeitig den Troll Sarrazin zu noch gewagteren Thesen provozieren, und die Zustimmung, weil sie unser Land in eine Richtung dirigiert, die es seit mehr als 60 Jahren zum Glück erfolgreich meidet.
Sarrazin bezieht sich, was er auch zugegeben hat, auf Statistiken, die gar nicht existieren, und wo er auf tatsächliche Fakten bezieht, sind sie bei ihm meist völlig verzerrt und aus dem Kontext gerissen. Nehmen wir nur die Geschichte mit dem Juden-Gen: Er behauptete in einem Interview, alle Juden würden ein bestimmtes Gen teilen. In Anbetracht der Tatsache, dass das Judentum seine Wurzeln in den semitischen Volksgruppen im Nahen Osten hat, und aufgrund des Fakts, dass es keine Missionarsreligion wie z.B. das Christentum ist, sondern hauptsächlich tatsächlich durch „Vererbung“ weitergegeben wurde, kann man durchaus davon ausgehen, dass ein Großteil der Juden, wenn auch über sehr, sehr viele Generationen hinweg eine ähnliche Abstammung hat, die sich dann natürlich auch genetisch wiederspiegeln könnte. Dabei unterschlägt er aber, dass damit auch die heutigen Palästinenser sein „Juden-Gen“ in sich tragen würden, aber die sind schließlich zum größten Teil Moslems und das würde sich mit seiner Kernaussage beißen, dass Moslems genetisch unterlegen seien und sich deswegen schlecht integrieren, während Juden genetisch überlegen sein. (Mal davon abgesehen, dass genetische Abstammung an sich kein Indiz für intellektuelle Überlegenheit ist.) Das nur als Beispiel, auf welche perfide Weise sich Sarrazin wissenschaftliche Fakten und Thesen zurechtbiegt, bis sie in sein Weltbild und seine Angst passen, dass seine Kinder und Enkel morgens um sechs vom Muezzin geweckt werden könnten.
Das ist nämlich dass, was man zwischen den Zeilen seiner provokanten Aussagen lesen kann: Die panische Angst eines konservativ-arrivierten Bürgers vor jeder Art vor dem Fremden, vor Veränderung. Und diese Angst scheint in der Bevölkerung nicht wenig verbreitet zu sein; sein heute erschienenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ war bereits am Erstverkaufstag ausverkauft. Diese Angst ist aber verflucht gefährlich, wenn sie denn politisches Gewicht bekommt, denn sie vergisst, dass Deutschland und die deutsche Kultur, wie sie heute ist, ohne Fremdeinflüsse und Veränderung überhaupt nicht existieren würde. Nehmen wir doch einmal alles, was uns irgendwann aus der „Fremde“ gebracht wurde, aus Deutschland weg: Den Einfluss des römischen Reiches auf unsere Sprache und unsere Art zu kommunizieren, die französische Aufklärung, die Demokratie, die es auf Druck der USA zu uns geschafft hat, oder auch die ganzen muslimischen Einflüsse, aus dem arabischen Raum z.B.: Die Universitätskultur, wie wir sie heute haben, und auf die wir zu Recht stolz sind, ist arabischen Ursprungs, aber auch ganz banale alltägliche Bequemlichkeiten, wie der morgendliche Kaffee oder der Mittagsschlaf auf dem Sofa stammen aus dem islamischen Kulturkreis. Wenn wir nur Ur-Deutsches zulassen würden, dann hätten wir zwar ziemlich gute Autos, würden aber unsere Erstgeborenen Odin opfern und unsere Häuser mit Ochsenblut rot färben.
Natürlich bedeutet das nicht, dass man alles Fremde und jeden fremden Einfluss gutheißen müsste. Natürlich ist die völlige Abschottung bestimmter Millieus, besonders türkischer, aber auch italienischer (die Sarrazin überhaupt nicht erwähnt, warum auch immer, vielleicht weil sie uns kulturell nicht so fremd sind), eine besorgniserregende Entwicklung. Dies aber auf eine generelle genetische oder kulturelle Unterlegenheit dieser Millieus zurückzuführen, zeugt von nichts anderem als sozialdarwinistischer Arroganz und einem ziemlichen simplen Weltbild, wenn man versucht es auf diese Weise monokausal zu erklären.
Nehmen wir doch nur die türkischen und italienischen Immigranten, wie sie nach Deutschland gekommen sind, und auf was sie hier stießen. Sie kamen nämlich als Gastarbeiter, und zwar nicht weil sie Deutschland so toll fanden und sich damit identifizieren konnten, sondern ganz profan um Geld zu verdienen (was nicht verwerflicher ist, als aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt zu ziehen). Sie sahen also keinen Grund, sich zu integrieren. Nun waren diese Immigranten keine hochgebildeten Leute, sondern Menschen aus der Unter- bzw. der unteren Mittelschicht. Unabhängig von der sozialen Lage in ihrer Heimat stießen sie in Deutschland auf eine Gesellschaft mit einer ziemlich starren Schichtenstruktur ohne große Aufstiegschancen, die dafür sorgte, dass der Großteil der Immigranten auch in der Unterschicht blieb. Diese Struktur ist noch heute aktuell, und so bestätigen sich die Vorurteile, Türken seien Unterschichtler. Zudem hat sicher auch die bereits oben erwähnte konservativistische Angst des deutschen Bürgertums zu diesen Problemen geführt, da es sich aus Vierteln mit hoher Ausländerpopulation zurück zog und somit erst diese abgeschotteten Millieus entstehen konnten. Dies sind bereits drei unterschiedliche Gründe, die zu den jetzigen Integrationsproblemen führten, und wenn man sich noch intensiver mit der Sache beschäftigt, wird man sicher noch mehr Ursachen finden – ganz ohne pseudowissenschaftliche Argumente, die nur die kollektive Angst vor dem unheimlichen Fremden bedienen und dabei auf eine Ideologie zurückgreifen, die vor siebzig Jahren zu einem der größten Verbrechen der Menschheit geführt hat.
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