“So einfach ist das” – Episode 3: “Der Literatur-Discount”

Ich bin bei Thalia, dem Lidl unter den deutschen Buchläden (nur ohne die Überwachung, hoffe ich). Ich bin hier, um mir ein Buch zu kaufen, da ich aber noch nicht weiß, welches es sein wird, werde ich ein wenig die Regale durchsuchen und hoffen, dass mich die Verkäuferinnen in Ruhe lassen. Wie haben es Audio88&Yassin so eloquent formuliert? „Ich will in einem Buchladen nicht gefragt werden ob ich etwas Bestimmtes suche – ich bin nicht bescheuert! Ich bin in einem Buchladen und suche mit aller Wahrscheinlichkeit ein Buch und NICHTS Bestimmtes!“

Allerdings komme ich mir im Moment wirklich ein bisschen bescheuert vor, weil ich mich in die „Zeitgeschichte“-Abteilung, und das bei Thalia, gewagt habe, obwohl ich genau weiß, was mich dort erwartet: 15 Bücher über Helmut Schmidt, 15 Bücher über Hitler und zwei Regalreihen mit dem Guttenberg-Buch. Besteht für den typischen Thalia-Kunden, der ja den typischen deutschen Mittelständler darstellen sollte, der Komplex Zeitgeschichte wirklich nur aus den Punkten Schmidt, Hitler, Guttenberg und Sarrazin? Dieser Gedanke macht mir Angst,  und ich hoffe, dass es nicht so ist, aber trotzdem verlasse ich diese Ecke, vorbei an drei Regalreihen Sarrazin (ach ja, Sarrazin – die fleischgewordene Xenophobie in Kombination mit Aufmerksamkeitshurerei) und zwei Regalreihen Sekundärliteratur zu Sarrazin („Er hat recht!“ – „Er hat unrecht!“ – „Er hat recht, formuliert aber zu provokant!“ – „Er zeigt richtige Fakten auf, zieht aber die falschen Schlüsse!“ – „Ich, Josef Joffe, habe auch eine Meinung zu Sarrazin und habe auch ein Buch darüber geschrieben!“ – „Ich, Frank Schirrmacher, ebenfalls!“).

Was gibt es noch im Sachbuchbereich? Reiseführer („Die schönsten Seiten Mallorcas“)? IT-Bücher? („Das Internet-Addressbuch“)? Esoterik? („Jesus und Buddha – Einzelkämpfer, Freunde, Lebenspartner“)? Klingt alles vielversprechend, aber… nein, ich gehe raus aus dieser Abteilung.

Also auf zu den Romanen: Fantasy und Science Fiction haben ihre eigenen Giftschränke, der Rest ist als „Unterhaltung“ zusammengefasst. Hier stehen Dan Brown, Paul Auster, Wolfgang Koeppen, Michael Houllebecq und Oliver Uschmann in trauter Eintracht beieinander. Nebenan beginnt die Jugendbuch-Abteilung.

„Ich suche ein Buch über Rrräpp“, höre ich eine Frauenstimme aus dieser Abteilung.

„Ja, da hätten wir hier einen Krimi…“, schlägt eine Verkäuferin vor.

„Ach nö, nicht so ein Umbringbuch, da kann meine Tochter bestimmt wieder nicht schlafen. Haben Sie nicht irgendwas Friedliches über Rrräp?“

Ich entscheide mich schließlich für Sven Regeners „Herrn Lehmann“. Sogar relativ schnell, was auch an der unangenehmen Stimme der Rap-interessierten Kundin gelegen haben kann. An der Kasse empfiehlt mir die Verkäuferin, wenn mir „Herr Lehmann“ gefallen würde, sollte ich doch mal was von Tommy Jaud probieren, der sei „suuuuper witzig, ich hab den letztes Jahr im Urlaub gelesen und der ist wirklich fast genauso wie Herr Lehmann“. Nachdem sie diesen Satz gesprochen hat, entscheide ich mich, ihr keinen schönen Tag zu wünschen.

Ganz abgesehen davon, dass das Wünschen eines schönen Tages sowieso befremdlich ist. Natürlich hätte ich kein Problem damit, wenn sie einen schönen Tag hat, prinzipiell wäre es natürlich wünschenswert, wenn alle Menschen einen schönen Tag haben, aber warum sollte ich das Leuten, die ich nicht kenne, noch mal explizit wünschen, und anderen Leuten, die ich genau so wenig kenne, nicht? Warum wünscht man der Kassiererin einen schönen Tag, den Leuten in der Schlange vor und hinter einem, den anderen Kunden im Laden und den hunderten Menschen in der Stadt aber nicht, obwohl diese einen schönen Tag genau so verdient haben wie jeder andere auch, prinzipiell gesehen? Aber das nur am Rande.

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Eingeordnet unter Kreative Auswüchse

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